Suchen |
Die Lorenz-Entführung Teil 2Mitteilung Nr. 4: Armbanduhr = MADRID. Wir hatten 20 000 DM für jeden als Handgeld gefordert. Da aber nicht alle fliegen wollten, haben wir gesagt, trotzdem 120 000 DM. Die Bullen wollten dann jedem nur die 20 000 DM geben, woraufhin Rolf Pohle gesagt hat, wir hätten doch 120 000 DM geschrieben. Auf den Spruch hin hat er die anderen 20 000 auch noch ausgehändigt bekommen, aber auch später wegen räuberischer Erpressung nochmal dreieinhalb Jahre in Bayern. Und das nur, weil er darauf bestanden hatte, daß die Forderungen korrekt erfüllt wurden. Dann gab's noch die Erklärung von Lorenz auf Tonband, wo er sich bei Albertz im voraus bedankt und weiter gesagt hat ... Sie selbst, Herr Pfarrer Albertz, wollen sichergehen, daß keine Katastrophe wie in München geschieht und wollen daher wissen, wie und wo ich persönlich befreit werden soll. Meine Bewacher sehen sich nicht in der Lage, die Modalitäten meiner Befreiung bekanntzugeben, weil sie sich damit gefährden würden. Sie erklären, daß sie einer entsprechenden Zusicherung der Polizei keinen Glauben schenken würden. Meine Bewacher haben mir jedoch ihr Ehrenwort gegeben, daß ich, wenn Sie, Herr Pfarrer Albertz, auf dem Luftwege nach Deutschland zurückgekehrt sind, unverzüglich ohne jeden Schaden an Leib und Leben, freigelassen werde. Ich vertraue meinen Bewachern, daß sie dieses, ihr Ehrenwort halten werden. Was passiert dann weiter am Sonntag? Da liefen die Wahlen in Berlin. Die Stimmung war ganz eigenartig, weil einerseits wollten sie den Eindruck vermitteln, daß die Wahlen ganz normal über die Bühne gehen und sich der Staat wie immer von den Anarchisten nicht erpressen läßt. Und andererseits war die Entführung ja Stadtgespräch. In jeder Kneipe wurde darüber geredet. Ist ja auch was besonderes, wenn der Wahlsieger gerade geklaut ist. Die CDU bekam mit Lorenz die meisten Stimmen in der Stadt. Doppelt soviel Stimmenzuwachs war vorhergesagt worden, als er dann tatsächlich bekommen hat. Wir sind runter zu ihm und haben gesagt Herr Lorenz, Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ja wohl der nächste Bürgermeister. Da hat er gestrahlt. Durfte er die Wahlergebnisse sehen? Klar, durfte er das. Und Lorenz war die ganze Zeit ruhig? Der war kooperativ. Er hat nicht mal über das Essen gemeckert. Wir wissen gar nicht, wer an dem Tag gekocht hat. Jedenfalls war das ein Saufraß. Schlimmer als später im Knast. Und dann habt ihr die Nacht durchgefiebert, was am nächsten Tag wohl passieren würde? Ja, da wuchs die Spannung etwas, denn am Sonntag um 14Uhr teilten uns die Bullen mit, daß die Gefangenen noch am selben Tag nach Frankfurt geflogen würden Die Polizei wendet sich an die Entführer von Peter Lorenz! Sachstand 2. März 1975, 14 Uhr
1. Die Gefangenen Becker und Siepmann werden Berlin am heutigen Tag nach Frankfurt/Main verlassen. Auch Pohle und Heißler werden in Frankfurt sein. ... Ihre in diesem Zusammenhang genannten Zeitvorstellungen sind nicht zu realisieren. ... 5. Es ist notwendig, daß Sie uns sofort das endgültige Flugziel angeben, damit die damit verbundenen Vorbereitungen getroffen werden können ... Wie wir später erfahren haben, hatten die Bundesregierung und die beteiligten Landesregierungen noch vor Erhalt dieser Nachricht entschieden, unsere Forderungen zu erfüllen Die beteiligten Regierungen gaben dem Druck der Entführer nunmehr endgültig nach, weil auch jetzt kurz vor Ablauf der Frist diese Entscheidung der einzige Weg zu sein schien, das Leben von Peter Lorenz zu retten. Die Befreiten erhielten dann noch die geforderten 120000 DM und es wurde eine kurze Erklärung vom Frankfurter Flughafen von Ina Siepmann übers Fernsehen ausgestrahlt, in der sie bekanntgab, daß sie jetzt abfliegen würden. Gegen 9.00 Uhr bestiegen alle das bereitgestellte Flugzeug, welches dann um 9.56 Uhr Richtung Salzburg abhob. Den ganzen Tag über wurden Bilder vom Besteigen der Boeing 707 und des Starts der Maschine im Fernsehen gezeigt. Ihr hattet doch dann keine Möglichkeit mehr zu überprüfen, ob die wirklich in die Maschine eingestiegen und gestartet waren, ob die euch nicht ein riesiges Theater vorspielten und einfach nur so taten, als ob da irgendwelche Flugzeuge rumflögen? Na dafür hat ja praktisch Albertz garantiert. Ansonsten war das so abgesichert, daß Albertz nach der Landung von den Gefangenen ein Codewort kriegt. Es sollte von ihnen eine kurze Erklärung geschrieben werden, in der das Codewort vesteckt war. Nach Albertz' Rückkehr sollte er den Text im Fernsehen verlesen. Dadurch würden wir wissen, ob sie sicher gelandet sind oder nicht. Dadurch, daß wir immer die Flugroute wußten, war uns klar, daß alles ok war. Und spätestens nach einer fingierten Landung hätten sie ja das richtige Codewort nicht gehabt und dann hätten wir auch gewußt, ist nicht. Wir hatten ausdrücklich gesagt, nirgends zwischenlanden. Aber dann mußtet ihr doch sicher sein, daß vorher ein Kassiber mit dem Codewort in den Knast gegangen war? Von dort hatten wir ja auch eine positive Rückmeldung erhalten. Haben die Bullen da später noch weiter nachgeforscht? Rausgekriegt haben sie jedenfalls nicht, wer das Codewort gekriegt hatte. Wie lautete das eigentlich? (Beide im Chor) So ein Tag, so wunderschön wie heute. Wir hatten nicht nur das Codewort reingegeben, sondern auch die Route. Wir hatten sehr detailliert Anweisungen zu den Flugetappen gegeben. Zuerst Rom, kurz vor Rom bekam der Pilot von den Befreiten die Anweisung Nach Tripolis, dann nach Addis Abeba und schließlich nach Aden. Dadurch, daß das im Radio übertragen wurde, wußten wir auch immer, wo die sind, und daß das Ding in unserem Sinne läuft. Die Bullen sollten erstmal nicht wissen, wo es hingeht. Wir wollten sie ein wenig verwirren, so mit Grußbotschaft über Libyen etc. Im Radio sagten sie immer, die wissen nicht wohin. Erst dachten sie alle, jetzt landen sie in Libyen, und dann flogen sie aber immer weiter. Deshalb hatten wir ja auch eine Boeing 707 ausgesucht. Wir hatten vorher ausgerechnet, wie weit die fliegen kann. Die Anweisungen hat immer Rolf Pohle an den Piloten gegeben. Es war wirklich nur diese vierköpfige Besatzung an Bord? Urspünglich wollten sie eine doppelte Besatzung, aber das wurde von den Freigelassenen verweigert. Die Bullen haben eine zweite Besatzung in einer zweiten Maschine hinterhergeschickt. Also zwei Flugzeuge? Eigentlich sogar drei. Im dritten saß der Staatssekretär im Kanzleramt und erfahrene Geheimdiplomat, Wischnewski (Ben Wisch) auf einem Koffer mit 6 Millionen DM für ein Aufbauprojekt im Süd-Jemen, um die Gefangenen wieder einzukaufen. Aber der wußte doch nicht, daß es in den Südjemen geht? Nein, aber 6 Millionen hatte er dabei gehabt, egal für welches Land. Sie konnten sich das ja auch denken. Es kamen im Prinzip nur Libyen, Algerien, Somalia, Südjemen oder vielleicht Irak in Frage. Jedenfalls hat die BRD den Jemeniten so ein Zementwerk versprochen gehabt, schon Jahre vorher und das hätten sie dann kriegen können, haben sie aber abgelehnt. Die BRD hat es später noch öfter versucht, die fünf zurückzukriegen. Was den Albertz aber entsetzte, wie er später im Prozeß gesagt hatte, war die Tatsache, daß die Bundesregierung veranlaßt hatte, daß, sollte die Maschine in Addis Abeba landen, die äthiopische Armee das Ding stürmen und alle umschießen sollte, mitsamt Albertz. Das hatte ihm später ein höherer Bonner Beamter gesteckt. Darüber war er natürlich völlig entsetzt. Er war zwar immer wieder danach gefragt worden, ob er von den Gefangenen unter Druck gesetzt worden wäre, dabei ging aber die einzige Gefahr von einer ganz anderen Seite aus. Außerdem war er sowieso schon sauer auf die Bullen, weil die ihn die ganze Zeit vor dem Abflug abgehört hatten, obwohl ihm vorher zugesichert worden war, daß er unbehelligt mit den Freigelassenen reden könne. Und was war dann im Südjemen? Erst mal mußte das Flugzeug lange kreisen, weil keine Landegenehmigung erteilt wurde. In der Zwischenzeit hat sich die südjemenitische Regierung so lange doof gestellt, bis sie ein offizielles Ersuchen der Bundesregierung für eine Landeerlaubnis und die Aufnahme der befreiten Gefangenen erhalten hatte. Jedenfalls haben sie schließlich gegen 19.00 Uhr die Landeerlaubnis gekriegt und sind gelandet. Das mit dem Südjemen hattet ihr schon ein Jahr vorher geklärt? Na, nicht ganz ein Jahr, im Grunde einen Monat vorher. Dort hatte sich eine Person bereit erklärt, die politische Verantwortung zu übernehmen und das dann abgeklärt. Wir alleine hätten es nicht geschafft, den Kontakt zu kriegen. Ohne vorherige Landegenehmigung hast du keine Chance. Und der Typ, der euch das zugesichert hatte, war Palästinenser? Ja. Der konnte das von seinem Einfluß her erreichen. Da waren wir uns sicher, einfach aus der Erfahrung raus, die wir mit diesen Leuten hatten. Gut sagen wir, das war zu 99 % sicher. Sie konnten nach etlichen Stunden am 4. März das Flugzeug verlassen. Dort am Flughafen haben dann alle an einem Tisch gesessen, Vertreter der südjemenitischen Regierung, die Gefangenen und Albertz, und sie haben erstmal Tee getrunken, wie das dort so üblich ist. Dann wurde bequatscht, daß sie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekämen. Daraufhin wollte Albertz schon losfliegen, als den Befreiten im letzten Augenblick eingefallen ist, daß es ja noch ein Codewort geben mußte, so daß sie schnell noch eine Erklärung geschrieben haben. Durften die beiden anderen deutschen Flugzeuge dort auch landen? Nein, die mußten im Nordjemen landen. Der deutsche Botschafter in Saana im Nordjemen ist dann mit einem Jeep losgefahren. Den haben sie an der Grenze aber gar nicht erst in den Südjemen reingelassen. Albertz ist schließlich um 8.30 Uhr wieder allein mit der Erklärung zurückgeflogen. Irgendwo sind die wohl noch zwischengelandet, um die Besatzung auszutauschen. Jedenfalls ist die Maschine noch am selben Tag wieder in Frankfurt gelandet. Die Erklärung war schon vorab übermittelt worden. Abends hat Albertz sie dann noch einmal in der Abendschau vorgelesen
Am Morgen des 4.3.75 verließen wir, die 5 befreiten Gefangenen, die Crew und Pfarrer Albertz die Lufthansamaschine. In der Halle des Flughafens Aden versammelten wir uns mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes der südjemenitischen Regierung. Er bekräftigte nochmals den Beschluß seiner Regierung, uns in der Volksrepublik Südjemen aufzunehmen, wo wir uns unbegrenzt und völlig frei aufhalten können. Die Regierung gab ihr Wort, daß sie diese Aufenthaltsbedingungen einhalten will gegen unser Wort, daß dieser Text die Voraussetzung zur Freilassung von P. Lorenz schafft. Wir danken der Crew für ihren Einsatz, wir danken Pfarrer Albertz für all seine Bemühungen. Wir grüßen die Genossen in Deutschland; die außerhalb des Knastes sind und die, die noch im Knast sitzen. Wir werden unsere Energie darein setzen, daß für sie auch bald so ein Tag, so wunderschön wie heute, anbrechen wird. Ina Siepmann, Rolf Heißler, Gabi Kröcher-Tiedemann, Verena Becker, Rolf Pohle Und das hat Albertz vorgelesen? Ja, das kam Dienstagabend im Fernsehen. Durfte Lorenz davon irgendwas mitkriegen? Das Aus- und Rumfliegen hat er sogar mit uns im Fernsehen gesehen. Nach dem Abflug hat er richtig Anteil genommen. Da wurde die ganze Situation auch entspannter. Hattet ihr Sekt? Nein, nur Wein, aber wir haben mit Lorenz kurz angestoßen. Der wußte, jetzt geht es nach Hause. Dann haben wir gemeinsam mit ihm überlegt, wie wir das machen. Er meinte, na mit der Kiste, das wäre doch so unbequem. Wir haben ihm gesagt, wir könnten natürlich auch durch den Hausflur laufen, aber dann würden uns eventuell welche sehen. Schließlich haben wir ihm die Brille zugeklebt, das heißt die Augen zugeklebt und dann die Brille drüber. Das war zwar unangenehm, aber so konnte er laufen. Wir haben ihn zum Auto geführt. Das war so gegen 23.00 Uhr desselben Abends, nachdem Albertz die Erklärung verlesen hatte. Die Stadt war total tot. Kein Bulle war auf der Straße zu sehen. Die hatten alles runtergezogen, was runterzuziehen war. Und dann sind wir mit ihm in den Stadtpark Wilmersdorf gefahren, an die Stelle, wo er von den Russen 1945 als Soldat schon mal festgenommen worden war, was wir aber nicht wußten. Wir haben ihm noch drei Groschen fürs Telefon in die Hand gedrückt drei, falls einer durchfällt und uns mit Handschlag verabschiedet. Zuvor hatte er noch bedauert, daß wir uns unter diesen Umständen kennengelernt hätten. Vielleicht ergäbe sich ja mal eine Gelegenheit, sich unter anderen Bedingungen wiederzusehen. Zu dem Zeitpunkt war er noch blind. Wir hatten ihn auf die Parkbank gesetzt, und er hatte gemeint, daß er alle Menschen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt hätten, mal wiedergesehen habe. Er hoffe, auch uns mal wiederzusehen, wenn die Zeiten sich mal ändern sollten. Letztlich hat er uns dann noch zu einer seiner Gartenpartys eingeladen. Wir haben ihm gesagt, er solle bloß nicht, wenn er nach Hause käme, vorne reingehen, denn dort ständen so viele Reporter rum, woran er sich auch gehalten hat. Der wollte nur noch zurück, zurück zu seiner Frau. Der wollte mit keinem reden. Aber dann kam er doch gleich ganz groß in der Presse? Ja, am Nachmittag des 5. März hat er gleich eine internationale Pressekonferenz gegeben, da kann er nicht viel geschlafen haben. Lorenz Es handelte sich zweifelsohne um einen Gewaltakt ... Aber die haben sich wenn man die allgemeinen Umstände dieser Art in Betracht zieht mir gegenüber korrekt verhalten. Das heißt, ich hatte immer Waschgelegenheit, ich hatte immer zu essen und sie haben mich auch nicht in besonderer Weise schikaniert oder drangsaliert ... Reporter: Herr Lorenz hatten Sie das Gefühl, daß sich die Entführer absolut sicher vor Maßnahmen der Polizei fühlten, oder waren sie unsicher? Hat die Frau das Geld behalten? Nein, aber das hat sie später bedauert. Hat Albertz sich für die Frau Busch eingesetzt? Wissen wir nicht. Und hat sich Albertz später für euch eingesetzt? Ja, für die Freilassung von Gerald Klöpper und Gabriele Kröcher-Tiedemann. Und hinterher gab es noch eine Erklärung? Die Entführung aus unserer Sicht. Das wurde so etwa 20 Tage danach verteilt. Drei Tage nach Lorenz' Haftentlassung haben wir uns alle wiedergetroffen und Die Entführung aus unserer Sicht diskutiert und zusammengeschrieben
WER SIND WIR? wir wollen uns mit dieser zeitung nach den ganz dramatischen ereignissen noch einmal so direkt wie möglich und so umfassend, wie wir es können, an die berliner bevölkerung wenden. wir tun dies hauptsächlich aus drei gründen: 1. wir wollen, so weit das geht, sagen, was für leute wir sind. 2. wir wollen einen teil der ganzen lügenmärchen von presse und politikern aufdecken. Produziert haben wir das auf einer Rotaprint in Steglitz, in einer Auflage von 30 000. In der Erklärung haben wir geschrieben, daß es 50 000 Exemplare waren, aber das haben wir aus zeitlichen Gründen nicht geschafft. Immerhin haben wir die 30 000 Dinger in nur einer halben Stunde verteilt. Das war am 26. März 75. Wir hatten einen Plan gemacht Mehrere Packen M-a 250 Stück mit jeweils einem Straßenzug drauf. Das betraf das ganze Stadtgebiet. Die Packen wurden dann an Gruppen verteilt, die sie dann zum Teil weitergegeben haben. Die Auflage war, nur in der angegebenen Straße zwischen halb acht und acht zu verteilen, weil um acht wurden in Berlin meist die Haustüren abgeschlossen. Die Zeit haben wir auf eine halbe Stunde begrenzt, um eine unnötige Gefährdung auszuschließen. Wenn einer die Erklärung gleich gefunden und die Bullen alarmiert hätte, wären die so 20 Minuten später da gewesen. Insgesamt waren fast 120 Leute unterwegs. Und den 120 Leuten habt ihr vorher gesagt, daß sowas anrollt und das hat niemand verraten? Ja. Letztens hat mir noch einer erzählt, daß sie noch ein paar Dinger über hatten und die gerade noch verbrennen konnten, bevor die Bullen wieder mal ins Rauchhaus14 eingerückt sind. Das mit dem Verteilen war im Prinzip eine alte Geschichte, ein sogenanntes Schneeballsystem. Du sprichst fünf, sechs Leute deines Vertrauens an, die dann wiederum jeder einige weitere ansprechen. Nach der Drenkmann-Geschichte gab es schon einmal eine Flugbattverteilaktion. Da war es eigentlich härter für die Leute, und es gab vorher und hinterher auch härtere Diskussionen. Da hatten einige nicht mitverteilt, weil sie mit der Aktion nicht einverstanden waren und auch weil die Angst größer war. Die Verteilaktion nach der Lorenzentführung hat die Bullen fast noch mehr geschockt als die Entführung selbst. Die haben uns wohl auch die 50 000 geglaubt. Die konnten sich natürlich ausrechnen, wenn in einem sehr kurzen Zeitraum soviele Dinger in der ganzen Stadt auftauchen, daß da mehr als sechs Leute beteiligt gewesen sein mußten. Wieviele Seiten hatte die Entführung aus unserer Sicht? Zehn Seiten. Was habt ihr während der Verteilung der Erklärung gemacht? Na, wir haben mitgemacht. Wir waren zum Beispiel im Wedding, um die Putte15 rum, weil die Bullen damals dort verstärkt Streife gefahren sind. Verteilt haben wir in Briefkästen, Telefonzellen und U-Bahnstationen. Damals gab es noch keine Kameras in den U-Bahnstationen. Als wir abgerückt sind, kamen dann auch die ersten Streifenwagen. Hat das in der Presse nochmal reingehauen. Ja, wegen der Art der Verteilung und wegen des Inhalts, wegen den Massenentlassungen bei DeTeWe und Löwe-Opta und der geplanten Fahrpreiserhöhung. Na und dann noch, daß Klingbeil mit einem Mal auch die andere Seite, also die CDU sponsort. Wir hatten damit gerechnet, daß sie versuchen werden es totzuschweigen, war aber nicht so. Es gab einen ziemlichen Wirbel, so daß viele das dann auch selber lesen wollten. Die Erklärung ist dann auch nachgedruckt worden. Die Fahrpreiserhöhungen wurden um ein halbes Jahr verschoben und die Massenentlassungen wurden dementiert. Politisch war das in der Stadt mit der größte Erfolg, weil das nochmal auf Begeisterung gestoßen ist, zumal die Bullen immer noch ihren Fahndungsapparat auf der Straße hatten. Darüber haben sich auch einige Zeitungen ziemlich lustig gemacht. Auf jeden Fall ging das alles gut und wir räumten auch noch den Keller auf. Wir haben alles abgerissen, in blaue Müllsäcke gestopft und in der ganzen Stadt verteilt. Und was war da drin? Hauptsächlich Styropor, etwas Steinwolle und Maschendraht. Auf jeden Fall war es mit einem Mal schwieriger die Scheiße loszuwerden, als wir gedacht hatten. Irgendwo haben wir das Zeug in eine Mülltonne gestopft, mit einem Mal brüllt da eine Frau aus einem Haus Eh, nicht unsere Mülltonnen vollmachen! Den Rest haben wir noch etwas verteilt, noch in andere Mülltonnen, zum Teil auf freien Plätzen. Laut Spiegel entluden junge Männer 21 blaue Plastiksäcke in einer Hochhaussiedlung in Marienfeld ockergelbe Rauhfasertapete, braunes Klebeband, Maschendraht und roten Vorhangstoff. Und das wurde ein Paukenschlag, weil in der Gegend wohnte nämlich der CDU-Politiker Rubin16, der sich Anfang der 70er Jahre selbst entführt hatte. Und dann hatten natürlich alle ihre Munition. Einige Linke, die sowieso der Meinung waren, die Aktion wäre nur dazu da gewesen, der CDU zum Wahlsieg zu verhelfen, waren der Meinung, aha, das haben sie doch selbst gemacht. Die Rechten waren der Meinung, wir hätten so gut durchgeblickt, daß wir dem das Zeug absichtlich vor die Haustür gepackt hätten, um die Spur in seine Richtung zu legen. Die Bullen hatten damit unheimlich viel Arbeit. Die mußten jedes Stück Klebeband und alles auf Fingerabdrücke hin untersuchen. Dann mußten sie das alles wiegen. Die hatten den Inhalt der blauen Müllsäcke in fünf Garagen verteilt, in der Hoffnung, das überdimensionale Puzzle zusammensetzen zu können. Wie war denn die Stimmung in der Bevölkerung? Können wir so genau nicht sagen, weil wir das ja nur erzählt gekriegt haben, aber überwiegend positiv. Irgendwie, wie nach einer großen Sportveranstaltung, wo alles gut gegangen ist. Eine Woche später sind wir dann nach Beirut abgereist. Geld hatten wir genug, weil ein Teil von uns 10 Tage vor Lorenz noch eine Bank gemacht hatte. Wir hatten verschiedene Routen ausgemacht, um nach Beirut zu gelangen. Zwei machten sich auf den Trip nach Italien und Griechenland, der Rest sollte die Route über Dänemark fahren, allerdings zu verschiedenen Zeiten. Wir sind richtigerweise davon ausgegangen, daß wir auf diesem Weg nicht genauer kontrolliert würden. Über Westdeutschland war das für uns mit falschen Papieren zu dem Zeitpunkt zu riskant. Wir sind also von Leuten zur U-Bahn Friedrichstraße gebracht worden, haben denen die Waffen gegeben und sind rauf zum Übergang nach Ostberlin. Von den Ostlern gabs problemlos den Visastempel und dann gings mit der Bahn nach Saßnitz. In der Zeitabsprache untereinander hatten wir aber einen Berechnungsfehler gemacht, so daß wir uns alle auf einer Fähre nach Kopenhagen wiedergetroffen haben. Bei den Dänen gab es auch keine größere Kontrolle an der Grenze. Irgendwie haben die Bullen mit dem Weg wohl nicht gerechnet. Von dort sind wir in verschiedene Richtungen abgeflogen. Wolltet ihr die Befreiten nicht irgendwie wiedertreffen? Ja, klar. Deswegen sind wir ja in den Libanon runtergefahren. Erstmal hatten wir dort dann als Programm eine kleine Ausbildung, was vorher abgesprochen war. Das Treffen mit den Befreiten wollten wir langsam angehen, nicht wegen der westlichen Geheimdienste, sondern wegen dem israelischen. Die waren nämlich die einzigen bei der Entführung gewesen, die richtig vorhergesagt hatten, wo die Maschine landen würde. Das mit dem Treffen hat aber leider nicht geklappt. Unsere palästinensischen Kontaktleute erklärten, daß wir uns zu dem Zeitpunkt nicht treffen könnten, da so viele verschiedene Leute, Journalisten, Geheimdienstler, Verwandte etc. in den Südjemen unterwegs waren, um die Befreiten zu treffen. Darüber waren die Jemeniten ziemlich sauer, weil die ihre Ruhe wollten. Als dann einige Zeit später ein Treffen stattfinden sollte, haben uns unsere palästinensischen Kontaktleute sehr höflich gesagt, wir müßten den Libanon schnellstens wegen des beginnenden Bürgerkriegs verlassen, da sie nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren könnten. Da es für uns nun unklar war, wie sich das alles weiterentwickeln würde, ist die Hälfte der Leute zurück in die BRD, der Rest ist weiter nach Damaskus, Syrien gefahren und erst später hierher zurückgekehrt. Was ist aus den fünf von der Entführung eigentlich geworden? Alle die, die befreit wurden, haben auch nach ihrer Befreiung weitergekämpf wenn auch in unterschiedlichen Zusammenhängen. Rolf Heißler ist 1979 in Frankfurt-Sachsenhausen festgenommen worden. Er erhielt bei seiner Festnahme einen Kopfschuß. Überlebt hat er das nur, weil er vorher gemerkt hatte, daß irgendwas nicht stimmen würde, so daß er sich gerade noch eine Aktentasche mit Tageszeitungen vor den Kopf halten konnte. Die Kugel ist dadurch abgelenkt worden. Vorher fielen schon Elisabeth van Dyck und Willi Peter Stoll der Todesschußfahndung zum Opfer. Zu der Zeit war Rolf bei der RAF, zu denen ist er ja im Prinzip schon vor der Befreiung gegangen. Er sitzt nun wieder, zu lebenslänglich verurteilt, in Bayern im Knast. Rolf Pohle ist am 21. Juli 1976 in Athen verhaftet worden. Es gab ein ziemliches Gezerre um seine Auslieferung an die BRD. In Griechenland gab es eine große Unterstützungskampagne mit Massendemonstrationen. Sein griechischer Verteidiger während des Auslieferungsverfahrens wurde später Justizminister. Der Richter, der in der 1. Instanz eine Auslieferung abgelehnt hatte, ist griechischer Staatspräsident geworden. Es ist der gleiche Richter, auf den sich der Film Z von Costa-Gavras bezieht. Die BRD übte aber einen immer größeren Druck auf die griechische Regierung aus, so daß später doch eine höhere Instanz der Auslieferung zustimmte. Rolf wurde nochmal entgegen den griechischen Auslieferungsbedingungen zu weiteren dreieinhalb Jahren verurteilt. Zu Beginn der 80er Jahre kam er wieder raus und lebt jetzt in Athen. Das heißt, ihr habt keinen von denen, die ihr befreit habt, in den 20 Jahren danach wiedergesehen? Nur Verena Becker hier in Berlin. Fußnoten
12 Die ursprüngliche Forderung, die freizulassenden Gefangenen nach West-Berlin einzufliegen, wurde fallengelassen, weil die Lufthansa durch alliierte Vorbehalte keine Landeerlaubnis in West-Berlin hatte. Um Verzögerungen im Ablauf der Aktion zu vermeiden, wurde auf Frankfurt umdisponiert. 13 Weissbeckerhaus, Wilhelmstraße 9 in Berlin-Kreuzberg. Benannt nach Thomas Weissbecker; siehe Chronologie Juli 1971, 2. März 1972. 14 Rauchhaus, Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg. Benannt nach Georg von Rauch, Umherschweifende Haschrebellen; siehe Chronologie Juli 1971, 4. Dezember 1971 15 Putte: besetztes Jugendzentrum in der Putkammerstraße, Berlin-Wedding; siehe Chronologie 1972 16 Berthold Rubin, geb. 1912, suspendierter Byzantistik Professor und im CSU Freundeskreis aktiv. Täuschte 1971 vier Tage lang sein eigenes Kidnapping durch die Baader-Meinhof-Terroristen vor, um seinen christdemokratischen Freunden zum Wahlsieg zu verhelfen. Das Mannöver flog auf. aus: Die Bewegung 2.Juni Gespräche über Haschrebellen, Lorentz-Entführung und Knast Edition ID-Archiv ISBN: 3-89408-052-3 [Inhaltsverzeichnis] |